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Freundschaft über Grenzen

Selina Walter und Delphine Winter sind seit vielen Jahren beste Freunde. Obwohl die Beiden im gleichen Alter und nicht weit voneinander aufgewachsen sind, haben sie sich erst im Alter von 18 Jahren kennengelernt. Während Selina im deutschen Scheibenhardt aufwuchs, kommt Delphine aus dem französischen Scheibenhard. Die Grenze hatte für sie bislang keine Bedeutung.

Von Markus Burck
freundschaft ueber grenzen klScheibenhardt/Scheidenhard. „Ich finde es sehr schade, dass es bei uns früher keinen engeren Austausch gab, zum Beispiel schon im Kindergarten“, findet Selina und Delphine pflichtet bei. Vielleicht hätten sie sich dann schon früher kennengelernt. Einen Grund, dass Scheibenhard(t) für viele Bewohner nicht als ein gemeinsames Dorf gesehen wird, liegt für die jungen Frauen an der Sprache. „Bei uns war Deutsch ein Pflichtfach in der Grundschule“, erklärt Winter. In der Pfalz gab es dies mit Französisch nicht, bedauert Walter. „Wir haben im Kindergarten und in der Grundschule natürlich mal Lieder auf französisch gesungen, viel mehr gab es aber nicht.“

Wunden werden heilen

Patrice Harster ist seit 2003 Geschäftsführer des Eurodistricts PAMINA. Die geschlossenen Grenzen respektive die harten Kontrollen hat der 59-Jährige hautnah an der PAMINA-Zentrale im elsässischen Lauterbourg miterlebt.

Volker Knopf


patrice harsterHerr Harster, wie groß ist die Erleichterung, dass die Grenzkontrollen wieder Geschichte sind?
Patrice Harster: Sehr groß. Das war für alle sehr belastend. Hier bei uns in Lauterbourg war die Grenze komplett dicht. So etwas hätte ich mir niemals vorstellen können. Wir arbeiten ja permanent daran, Grenzen abzubauen, auch in den Köpfen.
 

Apropos Köpfe. Denken Sie, dass etwas von dieser Zeit negativ zurückbleibt? Es ist die Rede davon, dass elsässische Pendler beispielsweise beim Einkauf in Deutschland beschimpft worden sind...
Harster: Die Verantwortlichen jenseits oder diesseits des Rheins waren immer in Kontakt – die Bürgermeister, die Verwaltung. Bei der Bevölkerung könnte es ein wenig länger dauern, bis sich die Verstimmtheit gelegt hat. Ich habe auch schon von Franzosen gehört, dass sie vorerst nicht mehr in Deutschland einkaufen wollen. Aber das ist die Ausnahme und nur ein ganz geringer Prozentsatz. Die Situation wird sich schnell wieder normalisieren. Ich bin Optimist: die Wunden werden wieder heilen. Das wird die deutsch-französische Freundschaft nicht zurückwerfen.

Keiner will die Kreisstraße 23 haben

Verhärtete Fronten im Streit um eine Straße durch den Bienwald, die es zwar weiter geben soll, die aber keiner besitzen möchte: Der Kreis will die K 23 bei Schaidt an die Stadt Wörth abtreten. Die lehnt das jedoch ab – schon mit Blick auf ihren „desaströsen Zustand“. Wie das Kräftemessen ausgeht, scheint offen. Womöglich kommt ein Dritter ins Spiel.

Von Andreas Betsch


K23 am weißen kreuzKreis Germersheim/SCHAIDT. „Kreisstraße abzugeben“, titelte die RHEINPFALZ Mitte Dezember. Wie damals bekannt wurde, will der Kreis Germersheim sich von seiner nahe der deutsch-französischen Grenze verlaufenden Kreisstraße (K) 23 trennen. Die K 23 führt von Schaidt über das „Weiße Kreuz“ zur Landesstraße (L) 545, die Scheibenhardt, Bienwaldmühle und Steinfeld verbindet. Der Kreis hatte bei der Stadt Wörth angefragt, ob sie bereit sei, die K 23 als Gemeindestraße zu übernehmen. Die offizielle Antwort soll Landrat Fritz Brechtel in diesen Tagen per Post bekommen: Der Stadtrat Wörth lehnt die Übernahme der K 23 ab. Es komme höchstens die Übernahme des innerörtlichen Teilstücks „Waldstraße“ infrage, sagte Bürgermeister Dennis Nitsche auf Anfrage. „Sofern der Kreis diese in abgabefähigen Zustand versetzt oder das abgegolten wird.“ Der schlechte Zustand der K 23 wurde von den politisch Verantwortlichen vor Ort zuletzt immer wieder angeprangert.

die abgegrenzten

Scheibenhardt ist deutsch. Scheibenhard liegt in Frankreich.

Von der Grenze sprach kaum noch jemand – bis das Virus kam.


Ein Artikel von Benno Stieber

Die Kette, die wochenlang Scheibenhardt von Scheibenhard getrennt hat, ist irgendwann im Mai verschwunden. Rot-weiß und aus Plastik hing sie quer über der Lauterbrücke. Bald zierten Kinderzeichnungen und europafreundliche Botschaften dieses unfreundliche Zeichen der neuen Nationalstaaterei. In unbeobachteten Momenten duckten sich die Scheibenhard(t)er von beiden Seiten einfach drunter durch, so als wäre die Grenzschließung nur ein absurder Akt, der ihnen da von Politikern im fernen Paris und Berlin abverlangt wird. Dann war die Kette plötzlich weg. „Es hat sie jemand geklaut“, erzählt Karl Heinz Benz. „Gut so“, entfährt es Francis Joerger und er grinst spitzbübisch. Benz ist Stadtrat im deutschen Scheibenhardt, Joerger war bis vor wenigen Wochen Bürgermeister im französischen Scheibenhard, hier am Südzipfel von Rheinland-Pfalz. Die beiden kennen sich aus ihren gemeinsamen Zeiten bei den französischen Sozialisten, sie wollten Europa immer leben, waren nie sehr zufrieden mit dem Zustand der deutsch-französischen Freundschaft. „Ein guter Europäer ist einer, der immer unzufrieden ist“, sagt Joerger. Unzufrieden ist ein viel zu schwacher Ausdruck für das, was sie in den letzten Monaten gefühlt haben. Benz und Joerger sind sich einig: Wenn die deutsch-französische Freundschaft am Rhein und in der Pfalz das Schaufenster Europas ist, dann muss dieses Fenster nach den Coronawochen gründlich renoviert werden.

Grenze auch in den Köpfen öffnen

Die Grenze nach Frankreich ist offen. Für die Bürger an der Lauterbrücke ein Grund zur Freude. Auf Volksfeststimmung muss wegen der Corona-Verordnung verzichtet werden, stattdessen wird abends ein multimedialer Vortrag über Europa gezeigt. Doch hätte wirklich jemand richtig feiern wollen?

von Matthias Dreisigacker

rund 80 menschen verfolgten den vortrag klSCHEIBENHARDT/SCHEIBENHARD. Angemessener als mit einer eher die geoeffnete grenze in scheibenhardt klstillen Zusammenkunft kann man das Verschwinden einer Grenze, die man nicht mehr für möglich gehalten hatte, nicht begehen. An Montag wurden die Grenzschließungen und –kontrollen zwischen Frankreich und Deutschland aufgehoben. Abends haben sich rund 80 Bürger auf der deutschen Seite bei der Lauterbrücke versammelt. Hierzu eingeladen hat die Europa-Union Rheinland-Pfalz mit ihrem Vorsitzenden Norbert Herhammer. Mit einer guten Viertelstunde Verspätung geht es los. Volksfeststimmung ist anders: Der Ausschank von Speisen und Getränken ist nicht gestattet. Ein paar Stühle, eine Leinwand und dann rückt der Mainzer Politologe Ingo Espenscheid in den Mittelpunkt. Er präsentiert seinen multimedialen Vortrag „70 Jahre Schuman-Plan“, der bis heute als Geburtsinitiative der Europäischen Union gilt. Auf Initiative des französischen Außenministers Robert Schuman wurde 1950 ein gemeinsamer Markt für Kohle und Stahl geschaffen, der Rest war bis vor wenigen Wochen eine wirklich gute Geschichte. „Am Tag davor hat Ursula von der Leyen im Fernsehen noch gesagt, die Grenzen in Europa dürfen nicht schließen. Und am nächsten Tag war zu“, kommentiert hinterher der Scheibenharder Bürgermeister Gérard Helffrich den gespenstischen Vorgang.